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Erik Gedeon

Vom Schlager zum Schläger - Erik Gedeons Liedertheater


Der Schweizer Regisseur und Musiker Erik Gedeon geht mit seinen szenischen Liederabenden dem Umgang der Menschen mit der Musik auf den Grund - und fördert manchmal Erschreckendes zutage. Am Theater Winterthur ist nun dreimal sein vom Bremer Theater produziertes Stück "Familienschlager" zu sehen und zu hören.
"Quoten-Musikanten" nannte sie die Zeitschrift "Theater heute" abschätzig im Novemberheft 2003: jene Musiker, die seit rund zehn Jahren an grossen deutschen Schauspielhäusern mit ihren inszenierten Liederabenden für gute Laune und volle Kassen sorgen. Als Pionier der Gattung gilt der 1948 geborene Franz Wittenbrink, der als Theatermusiker am Theater Basel Anfang der neunziger Jahre erste Prototypen erprobte. Den Durchbruch erzielte er 1995 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit "Sekretärinnen". Zahlreiche weitere Theater übernahmen das Inszenierungskonzept, 2002 kamen die sehnsüchtig singenden Bürofräulein auch in Zürich an. Nach wie vor jedoch bleiben die Wittenbrinkschen Originalrezepturen eine Angelegenheit der renommierten subventionierten Häuser, die damit eine Nische in der massentauglichen Unterhaltung besetzen.
Parallel zu Wittenbrink hat der Schweizer Erik Gedeon in Hannover, Hamburg und anderswo seine eigene Form des inszenierten Liederabends entwickelt, die sich durch eine höhere Dosis von schwarzem Humor und von menschlicher Brutalität auszeichnen dürfte. In "Erdbeerfelder für immer" zum Beispiel, einem Stück für das Kölner Schauspielhaus, werden brave deutsche Beamte durch Popmusik zu gewalttätigen Schlägern. Ebenfalls nicht als harmlose Schlagerparade präsentiert sich das Stück "Familienschlager".

Die Macht der Musik und ihr Missbrauch


Herr Gedeon, das Stück "Familienschlager" widmet sich dem Thema der deutsch-deutschen Annäherung. Hat man bewusst Sie ausgewählt, weil Sie als Schweizer mehr Distanz dazu haben?
Erik Gedeon: Das ist richtig. Die Idee geisterte schon lange durch das Bremer Ensemble, das etwa zur Hälfte aus West- und Ostdeutschen besteht. Ich habe dann die Geschichte zweier Familien entwickelt, der Westmüllers und der Ostmüllers, die sich ein Wohnzimmer teilen. In der Mitte, quer durch den Tisch sozusagen, verläuft die Grenze, die vom ältesten Ostmüller-Sohn streng bewacht wird. In Ermangelung anderer Waffen bekämpfen sich die beiden Familien mit Musik - und zwar bis aufs Blut.
Wie würden Sie Ihre Programme im Vergleich zu Franz Wittenbrink charakterisieren, dessen Liederabende auch bei uns bekannt geworden sind?
Ich habe keinen Abend von Franz Wittenbrink gesehen und kann mich dazu nicht äussern. Mein Thema, um das alle meine Abende kreisen, ist, was Menschen mit Musik machen und was Musik aus Menschen macht. Ich glaube an die Macht der Musik, bin aber immer wieder sehr befremdet darüber, wie Menschen mit Musik umgehen. Das setzt bei mir viel schwarzen Humor frei, manchmal so viel, dass sich eine Theaterleitung entschliesst, einen Abend gar nicht erst herauszubringen, wie kürzlich am Hamburger Thalia- Theater: Im Stück "Monkey Show" geht es um einen Gefängnisdirektor, der seine Häftlinge mit brutaler Gewalt dazu zwingt, wunderschöne Lieder zu singen. Vielleicht mein bisher bestes Stück. Ich bin noch immer bestürzt darüber, dass das Thalia-Theater nicht den Mut aufbrachte, es zu zeigen.

Interview: Tobias Hoffmann, NZZ vom 19/12/2004